Tomislav Gotovac, 'Watch on the Rhine', 2015

Tomislav Gotovac, Watch on the Rhine, 1994 © Erste Group Bank AG; Foto Oliver Ottenschläger

Fotografie, 12. OG, Executive Meeting

Das lebensgroße Bild eines nackt auf einem Dach stehenden alten Mannes, das im 12. Obergeschoss des Erste Campus zu sehen ist, zeigt den 2010 verstorbenen kroatischen Künstler Tomislav Gotovac während einer Performance aus dem Jahr 1994 in Zagreb. Dabei hat er sich für mehrere Stunden in einer Pose, die sowohl an Michelangelos skulpturale Standbilder der Renaissance, als auch an Darstellungen mythischer Wächterfiguren erinnert, auf das Dach des modernistischen Pavillons der Vereinigung kroatischer Künstler gestellt und in Richtung der Kampfhandlungen geblickt, unter deren Bann sich Kroatien während der Jugoslawienkriege zu dieser Zeit befand.

Mit dem Titel, den Tomislav Gotovac seiner Performance gegeben hat, „Watch on the Rhine“, bezog er sich auf einen gleichnamigen amerikanischen Film aus dem Jahr 1943 mit Bette Davis, der vom Deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus handelt. Diesen Verweis auf eine Vergangenheit, aus deren Erfahrungen man lange gehofft hatte Lehren gezogen zu haben, die spätere Kriege unmöglich machen, verstärkte er durch die bewusste Wahl des Ortes seiner Performance auf dem Dach eines Gebäudes, das in den 1940er Jahren der muslimischen Minderheit in Zagreb vorübergehend als Moschee gedient hat: „I was a mosque guard“. Als Wächter erscheint der nackte Körper des alten Mannes in Sicht- und Hörweite zu realen Kampfhandlungen, aber keines tatsächlichen Schutzes vor Bedrohung fähig, sondern vielmehr selbst schutzlos und verletzlich.

Tomislav Gotovac, 1937 bis 2010, lebte und arbeitete in Zagreb. In seinen späten Jahren hat er seinen Namen in Antonio Lauer geändert. Er war Filmregisseur, Konzept- und Performancekünstler, schuf zahlreiche Fotoserien und Collagen. Seit Beginn der 1960er Jahre setzte er sich in seinem Werk kritisch mit gesellschaftlichen Themen auseinander und fand dafür neue, formal radikale, emanzipatorische und anarchische Ansätze.1967 realisierte er das erste Happening in Zagreb. Seine Werke waren u.a. bei der53.Venedig Biennale, im DeAppel, Amsterdam, im Museum of Modern Art, Warschau, im Museum of Contemporary Art, Zagreb, in der Moderna Galerija, Ljubljana, im ZKM, Karlsruhe, in der Secession, Wien, im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris, im Van Abbemuseum, Eindhoven und im Museum of Modern Art, New York, zu sehen.

Text: Kathrin Rhomberg & Pierre Bal-Blanc

 

 

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