
Sanja Iveković, 'The Invisible Women of Erste Campus', 2016

Sanja Iveković, The Invisible Women of Erste Campus, 2016 © Erste Group Bank AG
Filmprojekt, Aufzugsbereich, EG-11. OG, Bauteil A-F
Sanja Iveković hat den „unsichtbaren“ Frauen des Erste Campus, die früh morgens und abends die Büros reinigen und in den Kantinen und Küchen arbeiten, ein filmisches Porträt gewidmet. Ihrem feministischen Ansatz folgend geht die Künstlerin dabei der Frage nach, warum die physische Arbeit der Reinigungsfrauen im Erste Campus unsichtbar bleibt. Sie ergründet die Position der ausschließlich migrantischen Reinigungsfachkräfte im Unternehmen, welche Arbeitssituation sie vorfinden, wie sich die moderne Architektur des Gebäudes und die neue Arbeitsphilosophie des Erste Campus auf ihre Arbeit auswirkt und wie ihre Arbeit mit ihrem Privatleben vereinbar ist. Über einen längeren Zeitraum begleitete Iveković die Frauen mit der Kamera bei ihrer Arbeit. Sie führte zahlreiche Gespräche, nicht nur mit den Frauen, sondern auch mit dem Generaldirektor der Erste Group, mit Arbeitervertreterinnen, Aktivistinnen, den Vorgesetzten der Frauen und den Architekten des Erste Campus. Einige der Ergebnisse dieser „Feldforschung“ zeigt sie im Zusammenspiel mit Porträts der Frauen auf Monitoren, die im Gebäude an unterschiedlichen Orten installiert sind. Die Frauen rezitieren in den Filmen ein von ihnen ausgewähltes Gedicht der kroatischen Schriftstellerin Aida Bagić in ihrer jeweiligen Herkunftssprache. Die Texte handeln von Erfahrungen der Migration, von der Suche nach persönlichen Lebensentwürfen, von Sehnsüchten, Ernüchterungen und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Sanja Iveković fördert damit das Potential der Selbstermächtigung: Sie verleiht den Frauen eine Stimme und macht sie zu sichtbaren Akteurinnen eines Arbeitsprozesses innerhalb ihres künstlerischen Projektes.
Sanja Iveković, geboren 1949, lebt und arbeitet in Zagreb. Sie war eine der ersten Künstlerinnen in Ex-Jugoslawien, die Anfang der 1970er Jahre mit einem dezidiert feministischen Ansatz zu arbeiten begann. In ihren frühen Projekten thematisiert sie das performative Potential von Massenmedien, Magazinen, Zeitungen, der Werbung, von öffentlicher sowie privater Fotografie, um ihre eigene Person als strukturell referentielle Figur ins Spiel einer erweiterten Form der Repräsentation zu bringen. Die Themen von Repräsentation und der Status der Frau in unserer Gesellschaft bestimmen auch ihre aktuellen Arbeiten. Iveković erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen bei Film- und Videofestivals, darunter in Locarno und Montreal. Sie hat in zahlreichen Biennalen und Ausstellungen teilgenommen, wie u.a. der documenta 8, 11 und 13 in Kassel, der Manifesta 2 in Luxemburg, im Museum of Modern Art in New York, im Taxispalais, Innsbruck, dem Museu d’Art Contemporani in Barcelona, im Van Abbemuseum, Eindhoven und im Museum of Contemporary Art, Los Angeles.
Text: Kathrin Rhomberg & Pierre Bal-Blanc